Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!?
- Dr. Franziska Kruppa

- 28. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Vor einigen Jahren saß ich in einem Sonntagsgottesdienst, wo ich in der Predigt zum ersten Mal den Bibelvers aus 2. Thessalonicher 3, 10 hörte.
Dort heißt es: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.
Der Prediger meinte es gut und machte deutlich, dass damit sicher auch Student*innen und Mütter zu Hause gemeint seien. Doch mich ließ dieser Vers nicht mehr los, denn: Was ist mit all den Menschen, die nicht (mehr) arbeiten (können) und keine andere Aufgabe haben? Was ist mit Kranken, Schwachen, (ungewollt) Arbeitslosen, pensionierten Personen, Kindern, Babys, Orientierungslosen, Suchenden oder Aussteiger*innen? Dürfen diese alle nichts essen, wenn wir den Bibelvers ernst nehmen?
Dieser Frage gehen wir nach und untersuchen, was die Bibel eigentlich mit dem Begriff der "Arbeit" und mit dieser hier wiedergegebenen Aussage meint und wie wir daraus Inspiration für unser Leben gewinnen können.
1. Genesis
2. Thessalonicher und Sprüche
3. keine Unterscheidung in "Arbeit" und "Freizeit"
4. Zusammenfassung
Wie denkt die Bibel über "Arbeit"?
1. Genesis
DER SÜNDENFALL
Wenn ich versuche, an einen Anfang des Wortes "Arbeit" zu kommen, fällt mir der Sündenfall ein. Dort erzählt uns Genesis 3, 17ff., dass als Folge des Sündenfalls der Erdboden von nun an verflucht sei und der Mensch Mühsal haben wird, wenn er sich seine Nahrung beschaffen will. Dornen und Disteln werden es dem Menschen schwer machen, sodass er schließlich im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen wird.
Ehrlicherweise kommt es mir heute manchmal so vor, als seien einige in der Entwicklung beim Sündenfall und seinen Konsequenzen stehen geblieben. Arbeit muss anstrengend sein, lästig, nervig und vor allem muss sie viel Raum einnehmen in unserem Alltag. Es gilt als anerkannt, gestresst zu sein von der Arbeit. Es scheint darüber hinaus kein Problem zu sein, die Arbeit über allem zu priorisieren: Wir stellen Beziehungen hinter die Arbeit, unsere Gesundheit setzen wir aufs Spiel und für Kreativität und Kunst bleibt kaum Raum.
Dabei haben wir uns als Menschheit doch seitdem weiter entwickelt. Eigentlich. Wir befassen uns seit Jahrzehnten mit der sogenannten Work- Life- Balance, betreiben Gesundheitsvorsorge und sehen ein, dass nicht jedes Lebewesen in der Gesellschaft zum finanziellen Gewinn beitragen kann und dennoch wertvoll ist (z. B. Kinder oder Tiere).
Trotzdem scheinen Bibelverse wie der oben zitierte ein gefundenes Fressen zu sein für politische Akteure, Parteien und leider auch vermeintliche spirituelle Akteure, Menschen dadurch unterdrücken und versklaven zu wollen.
Was also meint 2. Thessalonicher 3, 10?
2. Thessalonicher und Sprüche EIN ENTSCHEIDENDES WORT

im Bibelvers in 2. Thessalonicher 3, 10 ist zunächst: "will". Dieses Wort spricht - auch im Kontext, in dem der Vers steht - eine Problematik an, wonach es scheinbar Menschen innerhalb der Gemeinschaft gegeben hat, die nichts zum Lebensunterhalt der Gemeinschaft beitragen wollten, obwohl sie gekonnt hätten. Gleichzeitig haben sie die Gemeinschaft ausgenutzt, indem sie von den Beiträgen der anderen profitierten.
Es geht hier also um eine innere Herzenshaltung, die nur den eigenen Vorteil sieht, den Wert der Mitmenschen missachtet und Grenzen anderer Menschen nicht respektiert.
Wir fragen weiter, was das Wort "Arbeit" beschreibt. Mit dem Griechischen ergazomai ist nämlich keinesfalls (nur) die Erwerbsarbeit gemeint. Dieses Wort meint arbeiten, schaffen oder tätig sein. Es kann auch bedeuten etwas zu erreichen oder sich zu erarbeiten. Es geht einfach um ein bereites Spektrum des Tätigwerdens.
So kann in einer Gemeinschaft (ähnlich wie in einer Familie) nämlich auf ganz vielfältige Arten und Weisen zum Wohle aller beigetragen werden: Die eine Person unterstützt praktisch, die andere steuert finanzielle Mittel oder andere Ressourcen bei und wieder eine andere ermutigt und inspiriert. Gleichzeitig gibt es immer Phasen im Leben, wo ein Mensch mehr Unterstützung braucht, als dass er*sie vielleicht zurückgeben könnte. Dazu zählen wohl der Anfang und das Ende des eigenen Lebens sowie Abschnitte von Krankheit oder Trauer.
Ein anderer Bibelvers zu diesem Thema ist Sprüche 31, 13, der uns von der Frau erzählt, die mit Freuden „arbeitet“. Dort steht im Hebräischen „asah“, was der allgemeinste Ausdruck für „schaffen“ ist. Danach beschreibt asah Tätigkeiten wie beispielsweise das Herstellen von Gegenständen oder die Zubereitung von Speisen. Ebenso drückt dieses Wort aus, dass Gott Himmel und Erde erschafft, dass Pflanzen Frucht oder Triebe hervorbringen, eine Freundschaft geschlossen wird oder der Mensch seine Tage verbringt.
Das zeigt, dass es auch hier - trotz der deutschen Übersetzung mit "Arbeit" - nicht um Leistung oder gar eine Erwerbstätigkeit geht.
3. Keine Unterscheidung in "Arbeit" und "Freizeit" DABEI SIND WIR SCHON BEI EINEM WICHTIGEN PUNKT,

den wir immer im Hinterkopf behalten sollten, wenn wir Bibeltexte lesen:
Nur, weil wir mit einer bestimmten deutschen Übersetzung etwas ganz Bestimmtes assoziieren, heißt es nicht, dass das ursprünglich auch so gemeint war. Zeiten ändern sich, Sprache ändert sich und wird in unterschiedlichen Kulturen verschiedentlich verstanden.
Gerne denke ich an das Buch "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück", in dem die Autorin Jean Liedloff ein Volk portraitiert, das keinen Begriff für "Arbeit" zu kennen scheint. Die Menschen dort unterscheiden nicht zwischen "Arbeit" und "Freizeit"; alles Tun ist einfach Tun und gleichwertig.
So ist das Bad, welches eine Frau im Fluss nimmt, nicht "weniger wert" als wenn die Frau in eben diesem Fluss ihre Wäsche wäscht. Keine*r verdreht die Augen, wenn jemand* scheinbar planlos im Garten chillt, obwohl es viel "Arbeit" zu tun gäbe. Was wir uns hier mit viel (Rechtfertigungs-)aufwand als sogenannte "Me- time" erarbeiten müssen, scheint anderswo wie selbstverständlich.
Ich glaube ja, hier liegt auch ein Schlüssel zu mehr Ruhe und Entspannung in unserem Leben bereit. Wir dürfen ein neues, gesünderes Verhältnis zur Erwerbsarbeit entwickeln und auch anerkennen, dass es andere - mindestens genauso wichtige - Arbeit zu tun und zu erleben gibt.
4. Zusammenfassung
ES IST JA NIE GUT,

wenn Bibelstellen als Druckmittel eingesetzt werden. Da sollten wir in jedem Falle aufhorchen.
Oft geschieht das nicht offensichtlich, sondern subtil und mithilfe manipulativer Kommunikationsstrategien.
Ich ermutige dich: Lass dich nicht versklaven! Lass nicht zu, dass du schrumpfst! Nimm Raum ein, genieße, erblühe, zeig dich und lass deine Stimme hören - du hast mehr zu geben, als du denkst!
Das Schöne an unserem christlichen Glauben ist nämlich gerade, dass er nichts mit Leistung zu tun hat. Hier muss ich nicht leisten, hier brauche ich nicht zu optimieren. Hier darf ich sein, fließen lassen, kreieren und in Freude investieren.



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